
(Foto: Dr. Marion Pomey, ZHAW – Prof. Catrin Heite, UZH – Prof. Veronika Magyar-Haas, Uni Fribourg)
Das Wohlbefinden von Kindern stand im Mittelpunkt der gemeinsamen Abschlusstagung von drei Forschungsprojekten im Kontext des internationalen Forschungsverbundes CUWB. Die als Kooperation der Universität Zürich, Prof. Dr. Catrin Heite und der ZHAW, Dr. Marion Pomey organisierte Tagung fand am 6./7. November 2025 in der kleinen Aula der UZH statt.
Den Auftakt bildete eine Keynote von Prof. Susann Fegter (TU Berlin und CUWB) zum Thema «Bildung und Well-Being – ein ambivalentes Verhältnis». Vor dem Hintergrund dieser bildungstheoretischen Überlegungen wurden dann die Ergebnisse von drei qualitativen Forschungsprojekten vorgestellt. Diese beleuchten, wie Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 14 Jahren Well-Being verstehen und welche Bedingungen sie aus ihrer Perspektive benötigen, um sich u.a. in der Familie, der Schule, mit ihren Freunden oder soziokulturellen Angeboten und Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe wohl, sicher und geschützt zu fühlen.
„WoKidS: Was brauchen Kinder aus ihrer Sicht, damit es ihnen gut geht?»
Prof. Catrin Heite, Dr. Franziska Schlattmeier, Andrea Riepl, Luisa Weissberg, Lara Birrer
Das SNF-geförderte Forschungsprojekt WoKidS – Wohlbefinden von Kindern in der deutschsprachigen Schweiz ist Teil der von Susann Fegter und Tobia Fattore organisierten internationalen Studie Children’s Understandings of Well-Being (CUWB) und stellt die Perspektiven von Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren ins Zentrum. Ziel war es, zu erforschen, wie Kinder Wohlbefinden thematisieren, unter welchen Bedingungen sie es erleben und welche Faktoren sie als bedeutsam erachten – etwa Orte, Beziehungen, Zeitressourcen oder gesellschaftliche Themen wie Umwelt, Krieg und soziale Gerechtigkeit. Deutlich wurde, dass Wohlbefinden für Kinder ein relationales, ambivalentes und kontextgebundenes Konzept ist, das sich zwischen Sicherheit, Autonomie und Anerkennung bewegt. Methodisch wurde mit Interviews, Fokusgruppen, Zeichnungen und Collagen gearbeitet, wobei eine diversitätsorientierte Samplingstrategie soziale Ungleichheiten und unterschiedliche Lebenslagen berücksichtigte. Analytisch wurden u.a. der Capability Approach, DifferenzVulnerabilitäts- und Raumtheorien sowie Fragen der generationalen Ordnung herangezogen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Kinder differenzierte Vorstellungen von Wohlbefinden haben, die nicht nur individuelle, sondern auch soziale und globale Dimensionen umfassen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, Kindern eine Stimme zu geben und ihre Sichtweisen in Forschung, Praxis und Politik ernst zu nehmen.
«Well-Being und Vulnerabilität: Wie geht es Kindern und Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe»
Dr. Marion Pomey (ZHAW), Carina Pohl (neu UZH)
Das SNF-geförderte Forschungsprojekt „Wohlbefinden und Verletzlichkeit in der Kinder- und Jugendhilfe“ ist ebenfalls Teil der von Susann Fegter und Tobia Fattore organisierten internationalen Studie Children’s Understandings of Well-Being (CUWB), die von der ZHAW geleitet wurde. Die qualitative Studie fokussiert die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 14 Jahren, die offene Angebote der Kinder- und Jugendhilfe nutzen oder in stationären Einrichtungen aufwachsen. Das Projekt der ZHAW hat darüber berichtet, was aus Sicht der Kinder für ihr Wohlbefinden relevant ist. Deutlich wurde, dass Vulnerabilität eng mit der Frage verknüpft ist, ob Kinder über Agency verfügen – also teilhaben, gehört werden und Sicherheit erleben können. Dabei geht es sowohl um das subjektive Gefühl der Sicherheit als auch um reale Schutzräume. Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung von Belonging: das Erleben und Gefühl der Zugehörigkeit sowie das aktive Herstellen von Zugehörigkeit. Sichtbar wurde auch, dass Kinder und Jugendliche, die in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aufwachsen, sich auch nach Zugehörigkeit und gemeinsam geteilter Erfahrung sehnen.
«WIKK*I: Wie handlungsmächtig, sicher und wertgeschätzt fühlen sich Kinder in urbanen und ausserschulischen Bildungsräumen?»
Prof. Susann Fegter, Lisa Fischer
Das Projekt aus Deutschland untersuchte, wie Kinder Wohlergehen an ausserschulischen Lernorten im sozialräumlichen Kontext erleben. Wohlergehen wird in den Dimensionen Partizipation, Schutz und Sicherheit sowie Wertschätzung der eigenen Person untersucht: Das Projekt rekonstruiert aus Sicht von Kindern wie, wo und mit wem diese in ihrem sozialräumlichen Umfeld gute Erfahrungen im Hinblick auf Partizipation, Schutz und Sicherheit sowie Wertschätzung der eigenen Person erleben und wo sie Verbesserungsbedarf sehen. Es interessiert im Speziellen, wie sich Differenz‐ und Ungleichheitsordnungen in diese Erfahrungen und Sichtweisen von Kindern einschreiben und ein ungleiches Wohlergehen erzeugen.
Im Anschluss wurden zwei Dissertationsprojekte aus dem WoKidS-Projekt in theoretischer und methodischer Hinsicht diskutiert. Im Mittelpunkt der Dissertation von Luisa Weissberg stehen Geschwisterbeziehungen und Andrea Riepl fragt nach sozialen Ungleichheitsverhältnissen.
Der erste Tag klang bei einem gemütlichen Apéro Riche aus, der viel Raum für informellen Austausch bot.
Der zweite Tag wurde von Dr. Tobia Fattore (Macquarie University Sydney und CUWB) mit seiner Keynote «The problem with Well-Being» eröffnet. Anschliessend wurde in drei Dialogpanels über Theorie, Methodologie und Ethik in der Kindheitsforschung reflektiert und diskutiert. Zu Theoriediskursen haben Catrin Heite, Marion Pomey und Veronika Magyar-Haas über Well-Being und Welfare State sowie zu Vulnerabilität und Agency gesprochen. Im Ethik-Panel ging es um Auseinandersetzungen zu den Rechten von Kindern und ethischen Fragen rund um qualitative Forschung mit Kindern. Darüber haben Sabine Andresen, Tobia Fattore und Anne Ramos diskutiert. Im Rahmen des Methodologie-Panels diskutierten Samuel Keller, Susann Fegter sowie Luisa Weissberg und Andrea Riepl das CUWB Research Protokoll, Methoden der Kindheitsforschung sowie die konkrete Umsetzung in den Projekten und methodologische Fragen zur Erhebung der Kinderperspektive.
Zum Abschluss griffen die beiden Tagungsleiterinnen die Frage auf, wie die Ergebnisse in die professionelle Praxis und die wissenschaftliche Community eingebracht werden können und wie der Transfer in die Soziale Arbeit gestaltet werden kann.
Die Tagung bot den 45 Teilnehmenden vielfältige Gelegenheit zum Austausch mit Forschenden aus der Schweiz und aus dem Ausland, zur Diskussion aktueller Projekte und zum Knüpfen neuer Kontakte.
Marion Pomey, ZHAW, Soziale Arbeit, Institut für Kindheit, Jugend und Familie
Catrin Heite, UZH, Institut für Erziehungswissenschaft, Lehrstuhl Sozialpädagogik

